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bwcon: Health Care "Ambient assisted living"

06.07.2010, 10:16 Uhr

Zahlreiche Industrienationen – allen voran Deutschland und Japan – stehen vor einem großen gesellschaftlichen Umbruch: das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt rapide an.

Unter dem Begriff „Ambient assisted living“ loten Industrie und Forschung Möglichkeiten aus, die Mikrosystem- und Kommunikationstechnik bieten, damit Menschen möglichst lange ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben im gewohnten Umfeld führen können.

Eigentlich sind die Aussichten günstig: Die Bevölkerung in Deutschland hat eine immer höhere Lebenserwartung. Die höhere Lebenserwartung bei einer konstant niedrigen Geburtenhäufigkeit und Zuwanderung führt allerdings zu einer Verschiebung der Altersstrukturen in der Bevölkerung. Werden die gegenwärtigen Entwicklungen zur Geburtenhäufigkeit, Sterblichkeit und Zuwanderung wie in der Bevölkerungsvorausberechnung des statistischen Bundesamtes fortgeschrieben, zeigt sich, dass der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung steigt. So wird der Anteil Personen in der deutschen Bevölkerung, die 65 Jahre und älter sind, von rund einem Fünftel im Jahr 2009 auf über ein Drittel im Jahr 2060 anwachsen (http://www.destatis.de/bevoelkerungspyramide/). Diese Verschiebung der Alterstrukturen in der Bevölkerung wird als demografischer Wandel bezeichnet. Die Folgen des demografischen Wandels sind neben einem zunehmenden Bevölkerungsanteil an älteren Menschen auch ein Anstieg von Einzel-Haushalten und pflegebedürftigen Menschen.

Mit einem höheren Lebensalter sind unwillkürlich körperliche Einschränkungen verbunden. Unter dem Begriff „Ambient assisted living“ loten Industrie und Forschung in Europa und Deutschland die Möglichkeiten technischer Assistenzsysteme aus, um hilfs- und pflegebedürftigen Menschen bei der Bewältigung ihres Alltags zu unterstützen. Ziel der Aktivitäten zu Ambient assisted living ist es, Menschen zu einem möglichst lange selbstbestimmten und unabhängigen Leben im häuslichen Bereich zu verhelfen. Aktuell konzentrieren sich die Aktivitäten zu „Ambient assisted living“ auf vier Einsatzbereiche:

  • Gesundheit und Pflege,
  • Haushalt und Versorgung,
  • Sicherheit und Privatsphäre sowie
  • Kommunikation und soziales Umfeld.

Eine Übersicht zu Projekten und Aktivitäten im Bereich „Ambient assisted living“ finden sich auf der Internetpräsenz der Innovationspartnerschaft aus Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH unter http://www.aal-deutschland.de/. Die Möglichkeiten aber auch die gegenwärtigen Grenzen von Konzepten zu „Ambient assisted living“ zeigen ausgewählte Beispiele.

Einsatzbereich Gesundheit und Pflege

Das Einsatzfeld für intelligente Assistenzsysteme zur Prävention aber auch zur Rehabilitation im häuslichen Umfeld ist groß. Neben der allgemeinen Gesundheitsvor- und -fürsorge konzentrieren sich Anwendungen auf chronische und spezifische, mit dem Alter verbundene Erkrankungen.

Im Bereich Prävention kommen Geräte zum Einsatz, die gesundheitsbezogene Werte sammeln und verarbeiten. Telemonitoring-Systeme erfassen teilweise automatisiert über Sensoren, teilweise durch Eingabe sogenannte Vitalparameter wie Gewicht, Aktivitäten oder Herzaktivitäten. Basierend auf den regelmäßig erhobenen Daten können Verläufe dokumentiert und von medizinischem Fachpersonal analysiert werden. Beispielhaft für das Anwendungsgebiet Prävention untersuchen Forschungspartner aus Industrie und Wissenschaft unter anderem Wege um einem entscheidenden Risikofaktor für Herzerkrankungen zu begegnen: dem metabolischen Syndrom. Typisch für das metabolische Syndrom sind ein erhöhter Bauchumfang – bei Männern eine Taillenumfang ≥ 94cm und bei Frauen ≥ 80cm – sowie das Vorliegen von zwei weiteren Risikofaktoren wie ein hoher Nüchternblutzucker, ein hoher Cholesterinspiegel, erhöhte Blutfettwerte oder ein erhöhter Blutdruck. Intelligente Assistenzsysteme helfen die Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten zu erfassen, anhand derer Gesundheitsexperten Empfehlungen zur gesundheitsorientierten Gestaltung des Alltags geben. Ziel ist es, durch Veränderungen der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten typische Krankheitspfade zu durchbrechen und das Krankheitsrisiko zu senken. Untypisch für Aktivitäten zu „Ambient assisted living“ ist die Zielgruppe: Personen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren. In dieser Zielgruppe leiden die meisten noch nicht an Folgeerkrankungen des metabolischen Syndroms, so dass im Sinne einer Prävention die Maßnahmen auch tatsächlich vorbeugend sind. Details zum Projekt finden sich unter http://www.lifesciencebiz.de.

Im Gesundheitsbereich kommen technische Innovationen der Telemedizin zur Therapieoptimierung, zum Telemonitoring und zur Kommunikationsunterstützung zum Einsatz. So stehen heute beispielsweise Geräte zur Verfügung, die Medikamente ausgeben und gegebenenfalls an die Einnahme erinnern. Sehr viel weiter gehen die Anwendungen im Forschungsprojekt „Partnership for the heart“ (http://www.partnership-for-the-heart.de/). Patienten mit chronischer Herzschwäche werden im Zuge des Forschungsprojekts mit mobilen Messgeräten ausgestattet, um frühzeitig schleichende Veränderungen der Herzfunktionen erkennen zu können. Das Frühwarnsystem informiert bei auffälligen Veränderungen rechtzeitig Ärzte, die geeignete Therapieschritte einleiten können. Sowohl bei Auffälligkeiten bei Herzfunktionen wie bei einem Notruf werden Patienten sofort zu einem telemedizinischen Zentrum verbunden. Die Ärzte im telemedizinischen Zentrum haben automatisch Zugriff auf die elektronische Patientenakte und können so Entscheidungen anhand einer fundierten Datenbasis treffen. Gegebenenfalls wird Kontakt zum betreuenden Arzt aufgenommen oder eine Notfalleinweisung veranlasst. Die mobilen Endgeräte und das Telemonitoring verbessern nicht nur die Sicherheit der Patienten, sondern erhöhen auch deren Lebensqualität.

Bei andauernden oder bleibenden Beeinträchtigungen der körperlichen Leistungsfähigkeit helfen bereits heute technische Geräte und Roboter im Bereich Pflege. Gehwagen, Rollstühle oder Pflegebetten sind allgegenwärtige Hilfsmittel. Zunehmend unterstützen Roboter – stationäre oder mobile Maschinen, die bestimmte Aufgaben erfüllen – in der Pflege. Ob dabei Pflegeroboter menschliche Pflege vollständig ersetzen kann oder soll ist Gegenstand einer kritischen Diskussion. Im Projekt WiMi-Care (http://www.wimi-care.de) arbeiten Industrie und Forschung an Szenarien, in denen Roboter Pflegekräfte von Routinetätigkeiten entlasten und in Notsituationen unterstützt. Der sogenannte Care-O-bot® hilft beispielsweise bei der Getränkeversorgung. Indem der Care-O-bot® nicht nur Getränke anbietet, sondern auch die Trinkgewohnheiten dokumentiert, kann eine Flüssigkeitsunterversorgung vermieden werden. Transport-Roboter wie der CASERO unterstützen Pflegekräfte bei Transportaufgaben wie der Essensausgabe oder erkennen Notsituationen und informieren das Pflegepersonal.

Einsatzbereich Haushalt und Versorgung

Elektronische Hausgeräte erleichtern die Haushaltsführung wesentlich. Vielfach verfügen Hausgeräte über Automatik-Programme oder Displays mit Zusatzfunktionen und Hilfestellungen bei Störungen. Ziel im Bereich Haushalt und Versorgung ist es, das häusliche Umfeld so auszustatten und zu gestalten, dass möglichst alle Menschen die Infrastruktur und Geräte bestimmungsgemäß ohne fremde Hilfe nutzen können. Dazu zählen beispielsweise schallarme Räume für Bewohner mit Hörhilfen ebenso wie barrierefreie und im Sinne einer Sturzprävention gestaltete Räume und Zugänge.

An einem „mitwachsenden“ Wohnungskonzept arbeitet das Forschungsprojekt „AlterLeben“ (http://www.vswg-alterleben.de). Je nach individuellem Unterstützungsbedarf können zusätzliche Leistungen zur Unterstützung der Bewohner angefordert werden. Die Möglichkeiten, die Sensoren und elektronische Steuerungen als Unterstützung in der häuslichen Versorgung bieten, zeigt das Fraunhofer-Labor inHaus (http://www.inhaus-zentrum.de). Das intelligente Bad im Fraunhofer-Labor inHaus stellt sich beispielsweise auf seinen Benutzer ein: So wird der Waschtisch auf eine für den Nutzer komfortable Höhe eingestellt, je nachdem wer gerade im Bad ist. Der Badspiegel erinnert an die Einnahme von Medikamenten oder das Zähneputzen. Der Wasserhahn schließt, wenn die Wanne voll ist. Außerdem informiert das System über aktuelle gesundheitliche Daten wie Puls oder Gewicht. Gegebenenfalls kann ein Kontakt zu einem telemedizinischen Zentrum hergestellt werden.

Einsatzbereich Sicherheit und Privatsphäre

Typische Vertreter für Systeme im Bereich Sicherheit und Privatsphäre sind Alarmsysteme oder Systeme, die Zugangsberechtigungen zu Gebäuden prüfen. Über Fingerabdruck oder Gesichtserkennung erfolgt beispielsweise die Überprüfung von Zugangsberechtigungen. Alarmsysteme wie bereits heute vielfach verfügbare Hausnotrufsysteme erhöhen das individuelle Sicherheitsempfinden und die Bewegungsfreiheit. Über unterschiedliche Endgeräte kann bei einem Sturz oder einer Schwäche ein Notruf abgegeben werden und sofort wird ein Kontakt zu einem Ansprechpartner hergestellt. Je nach Situation kann entsprechende Hilfe veranlasst werden. Ein mit Sensoren ausgestatteter Teppich ist in der Lage zwischen Gehen, Liegen und Sturz zu unterscheiden. Im Falle eines Sturzes stellt der Teppich automatisch einen Notrufkontakt her, ohne dass die gestürzte Person einen Notrufknopf drücken muss.

Einsatzbereich Kommunikation und soziales Umfeld

Ziel der Anwendungen im Einsatzbereich Kommunikation und soziales Umfeld ist es, das persönliche Netzwerk beispielsweise zur Familie oder zu Nachbarn zu erhalten und zu stärken. Typische Anwendungen sind Videotelephonie oder anderen Formen der elektronisch gestützten Kommunikation wie über Internetplattformen. Aber nicht nur ältere Personen, sondern auch deren Angehörige können von Lösungen zu „Ambient assisted living“ profitieren. Im Projekt „easyCare“ (http://projekt-easycare.de) arbeiten Industrie und Forschung an einer Internetplattform für pflegende Angehörige. Neben leicht verständlich aufbereiteten Pflegeinformationen bietet die Webseite auch die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen. Mit professioneller Unterstützung wird ein individuelles Pflegekonzept erarbeitet. Häusliche Monitoring- und Assistenzsysteme sind in die Plattform eingebunden und unterstützen bei der Pflege.

Entwicklungstrends

Die Aktivitäten zu „Ambient assisted living“ tragen dazu bei, bislang bekannte Formen des Computers zu verändern und enger an die Anforderungen von Nutzern – besonders älterer Nutzern – auszurichten. Im Sinne eines „Ubiquitous Computing“ werden Computer immer allgegenwärtiger sein und uns unterstützen. Durch die Integration in die alltägliche Umgebung zeigt sich einerseits eine Tendenz hin zu einfach bedienbaren Geräten, die auf bestimmte Anwendungen spezialisiert sind. Andererseits entwickeln sich Multifunktionsgeräte, die Unterstützung in unterschiedlichen Gestaltungsbereichen bieten. Von großer Bedeutung für dezentrale Einheiten ist es, sich miteinander vernetzen zu können und Informationen über Schnittstellen auszutauschen. Über die Vernetzung der Geräte sind Informationen überall dort verfügbar, wo erforderlich. In der „Continua Health Alliance“ arbeiten weltweit führende Hersteller und Verbände an technologischen Standards, um verschiedene Systeme ausgerichtet auf konkrete Anwendungsfälle miteinander zu vernetzen. Über die Vernetzung können entsprechend der individuellen Situation, Geräte ergänzt oder abgekoppelt werden.

Indem die Technik immer mehr Möglichkeiten schafft, dringt sie gleichsam auch in ethische und persönliche Grenzbereiche vor. Eine Diskussion zu Datenschutz, Ethik und Privatsphäre begleitet daher die Aktivitäten zu „Ambient assisted living“. Viele Lösungsansätze bieten Wahlmöglichkeiten an, die entsprechend den individuellen Bedürfnissen nach Privatsphäre und Datenschutz unterschiedlich ausgeschöpft werden können. Mit den neuen technischen Möglichkeiten einher geht auch die Frage, wie Lösungen zu „Ambient assisted living“ bezahlbar werden bzw. bleiben. Ein Teil der gegenwärtigen Forschungsaktivitäten untersucht daher nicht nur die technischen Entwicklungsmöglichkeiten, sondern sucht auch nach innovativen Geschäftskonzepten, die sowohl für Nutzer als auch für Anbieter attraktiv sind (http://www.dienstleistungundtechnik.de/dite-fokusgr/dite-fokus1.html).

„Attentive Devices“ – Aufmerksame Geräte – helfen uns bei menschlichen Schwächen oder bringen uns Sicherheit und Komfort. Dabei darf nicht übersehen werden, dass für Pflege- und Hilfsbedürftige entwickelte Anwendungen, auch einen großen Komfort- oder Sicherheitszuwachs für einen viel breiteren Anwenderkreis bedeuten. Wer freut sich nicht, wenn ein kleines „Helferlein“ tagsüber den Boden der Wohnung reinigt und abends die Wohnung bereits sauber ist?

Autor des Artikels: Daniel Zähringer, Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO


 

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